Schreien lassen

Da man in der Babyphase nun mal gelernt hat, das Kleine nicht schreien zu lassen, sondern auf dieses Signal schnell zu reagieren, ist die Versuchung groß, dieses Verhalten beim Kleinkind fortzuführen:

Also gibt man zehn Minuten vor der Mahlzeit den dringend gewünschten Gummibär heraus, verbringt den gesamten Heimweg vom Supermarkt mit dem "Engelchen, Engelchen flieg"-Spiel oder verschiebt das Schlafengehen um drei Viertelstunden, wenn der Nachwuchs nur deutlich genug mit dem Weinkrampf droht.

Dabei übersieht man eine Sache: Kleinkinder können ihre Reaktionen noch nicht gut modulieren -- bei manchen Kindern ist die Intensität des Weinens immer nahezu gleich, egal, ob ihnen nun ein Arm abgerissen oder der fünfte Schokokeks verwehrt wurde, überspitzt gesagt. Man hält als Vater oder Mutter also auch alles für gleich wichtig.

Dabei ist Kindern im Normalfall grundsätzlich klar, dass Bettzeit Bettzeit ist oder dass nur drei Kekse erlaubt sind. Und die meisten Heulanfälle wegen Kinkerlitzchen sind schon nach 25 Sekunden wieder vorbei. Durch den vorauseilenden Elterngehorsam aber erhält das Kind zu selten die Gelegenheit, ein bisschen Einsicht zu zeigen.

Was sich später noch rächt. Ich spreche aus Erfahrung.

[Autor: Gunnar Lott]

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